Kreatives Schreiben im Waschsalon

von November 4, 2019 Februar 15th, 2020 Kreatives Schreiben

Um unser Schreiben kreativ und lebendig zu gestalten, ist es meiner Ansicht nach sehr wichtig, die Schreib-Orte zu wechseln. Kreativität bedeutet für mich dabei, Gewohnheiten und Konventionen hinter sich zu lassen, um als Autor neue Perspektiven und Einsichten zu gewinnen. Also nichts wie weg vom heimischen Schreibtisch und auf zu neuen Ufern!

Schreiben im Café

Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehen in ein Café, um nicht alleine zu sein. Das hat eine lange Tradition. Ich beobachte zu gerne die mich umgebenden Menschen und es hilft mir bei der eigenen Figurenentwicklung. Gehen Sie in ein Café, in der vom Banker bis zum Studenten möglichst alle Gesellschaftsschichten vertreten sind. Ein literarischer Glücksfall im Café wäre vielleicht ein streitendes Paar am Nebentisch. Vielleicht hören wir im Café einen Dialog, den wir verwenden können. Wie ein Detektiv sind wir als Autoren unseren Figuren auf der Spur. Es gilt: Augen und Ohren aufhalten! Menschen in ihrem Alltag zu beobachten ist eine der ergiebigsten Quellen für unsere Figuren, die wir vielleicht gerade für einen Roman entwickeln. Wo kann ein Autor noch fündig werden?

Inspiration im Museum

Künstler inspirieren Künstler. Gehen wir in ein Museum und wenden wir uns einem Gemälde oder einer Skulptur zu. Das Museum hat den Vorteil, dass die Geräuschkulisse ist, trotz vieler anderer Besucher, im Gegensatz zum Café viel gedämpfter ist. So können wir uns in Ruhe vor ein Kunstwerk setzen und losschreiben. Bildliches und sprachliches Denken in Einklang zu bringen, ist eine Aufgabe der Techniken und Methoden des Kreativen Schreibens. Das klappt meiner Meinung nach im Museum besonders gut. Im Museum bin ich als Schriftstellerin unter Künstlern. Das verleiht mir ein gutes Gefühl und vertreibt zudem die Einsamkeit beim Schreiben.

Eingebung in der Kirche

Wer eine spirituelle Umgebung zum Schreiben braucht, kann sich in die Bank einer Kirche oder in einen Dom setzen. Eine Kirche in Deutschland, die ich besonders mag, ist die Nikolaikirche in Leipzig. Sie ist hell und freundlich und sehr beeindruckend. Ich fühle mich wohl, wenn ich dort bin und bin sehr berührt über die historischen Zusammenhänge in denen sie steht. In einer Kirche zu schreiben ist vergleichbar mit einem Gebet. Wir möchten der großen und erhabenen Architektur etwas Vergleichbares entgegensetzen. Und wir fühlen uns verbunden mit etwas, das mehr ist als wir selbst, vielleicht unserem höheren Selbst und vielleicht sogar mit unserem Glauben an Gott. Spirituelle Orte können Künstlern viel Kraft geben. Sie finden sich aber nicht nur in Kirchen, sondern wie ich finde, auch in der Natur.

Entspannung in der Natur

Wir alle kennen die entspannende und heilsame Wirkung eines Spazierganges oder einer langen Wanderung durch den Wald. Ob Bergwandern oder im Tal herumschlendern – Hauptsache Natur pur genießen. Die Bewegung mitten in der Natur bringt nicht nur unsere Gedanken auf Trab, sie verbindet uns auch in besonderer Weise mit ihr. Einen Wasserfall bestaunen oder Rast machen an einem See. Es gibt so schöne natürliche Plätze, dass uns an diesen genau wie in einer Kirche, ein Gefühl der Ehrfurcht überkommen kann. Warum also nicht mal in der Natur innehalten und schreiben?

Hektik auf dem Bahnhof

Wem das alles zu ruhig und beschaulich ist, der könnte auf dem Bahnhof seiner Stadt am Bahnsteig oder in der Bahnhofshalle schreiben. Wir können dabei die Hektik und das Tempo der zum Zug hastenden Menschen für unser Schreiben aufnehmen und nutzen. Die Geräusche eines einfahrenden Zuges oder die Durchsagen am Bahnsteig, auch sie können Inspirationen darstellen. Und es ist zudem noch eine gute Übung, sich nicht aus dem Scheiben herausbringen zu lassen und bei den ständigen Geräuschen im Hintergrund bei sich selbst zu bleiben.

Berühmte Ideen im Zug

Durch die Bewegung des fahrenden Zuges kommen auch unsere Gedanken besser in den Fluss. Ideen haben dadurch die Chance, zu uns zu gelangen. Landschaften ziehen an uns vorbei, wir erfahren die Flüchtigkeit des Seins. Denken Sie an die Schriftstellerin Joanne K. Rowling und Harry Potter. Die Idee vom jungen Zauberer mit der runden Brille und der Zick-Zack-Narbe auf der Stirn kam der Autorin während einer Zugfahrt von London nach Manchester. Der Zug hatte an diesem Sommertag im Jahr 1990 Verspätung. Joanne störte das nicht, denn sie hatte eine schriftstellerische Idee, die, wie wir alle wissen, weltberühmt werden sollte.

Abheben am Flughafen

Auch am Flughafen lässt es sich gut schreiben. Ich mag die Atmosphäre dort, an einem großen Flughafen mit Cafés und Geschäften und den Passagierschlangen vor den Schaltern. Ich fliege allerdings selten. Dafür sitze gerne am Flughafen in der Halle, am liebsten mit einem leckeren Milchkaffee und schaue den Flugzeugen beim Starten zu. Und schreibe dabei. Fliegende Inspirationen inbegriffen.

Beobachtungen im Waschsalon

Ich höre das Summen der sich drehenden Waschmaschinen. Es duftet nach Waschpulver und Sauberkeit. Eine junge Frau, vielleicht eine Studentin, packt ihre Wäsche aus einer großen Tasche und sortiert die durcheinandergewirbelten Sachen nach Farben. Der Salon dagegen ist so grau wie die Maschinen. Jemand klappt die Tür einer Maschine zu. Klack. Mit Stift und Notizbuch in den Händen sitze ich im Mantel auf der Fensterbank des unbeheizten Salons und schreibe mich warm. Wunderbar! Meine Kursteilnehmer schauen aber immer ein wenig entsetzt, wenn ich sie zum Schreiben in den Waschsalon schicken möchte. Warum denn nur? Wie bereits gesagt, ich glaube, um kreativ sein zu können, sollten wir öfters unsere Gewohnheiten überprüfen und sie hinter uns lassen. Etwas Neues ausprobieren, neue Wege gehen, neue Orte zum Schreiben ausprobieren. Sehen Sie es doch als ein Experiment an. Ich bin sicher, Sie verspüren eine positive Wirkung, wenn Sie sich beim Schreiben auf einen neuen Ort einlassen.

In der Welt sein

Wir als Schriftsteller gehören in die Welt und nicht unter eine Glasglocke. Wir sollten unter Menschen schreiben, denn die alltägliche Welt und die Menschen dienen uns als Ausgangspunkt und Basis unserer kreativen Tätigkeit. Es muss also nicht immer die abgelegene Berghütte oder die einsame Insel sein, die uns zum Schreiben inspirieren. Ganz im Gegenteil – Suchen wir uns doch einen Ort, in dem wir die Welt im Kleinen, aber als Ganzes, wiederfinden.

Ich bin wirklich sehr gespannt auf Ihre Erfahrungen beim Schreiben an verschiedenen Orten. Teilen Sie mir Ihre Lieblings-Schreib-Orte mit!

Birgit Nipkau

Ein Kommentar

Schreibe eine Antwort